Zeitzeugin: KATHARINA FRANK Kapitel 3.4.: Unfall in der Kohlegrube

Die Zwangsarbeit in der Kohlegrube war hart und zermürbte nach und nach die Gefangenen. In den Baracken waren nicht nur deutsche Insassen aus den besetzen Gebieten, auch russische Gefangene, politische Gegner und Systemkritiker waren inhaftiert und arbeiteten gemeinsam mit den banater Verschleppten. Katharina Frank machte Bekanntschaft mit einer russischen Kathia und beide mussten nach einem selbstverschuldeten Unfall vor dem wütenden Wärter flüchten.

Meine Ur-Großmutter betont aber immer wieder, dass nicht alle Menschen gleich sind. Es gibt überall gute und schlechte. Auch im Krieg. Unter den Wärtern im Arbeitslager, den sogenannten „Natschalnis“, gab es ebenfalls gutherzige wie bösartige. Bei all dem Leid und Unheil, dass der Krieg mit sich gebracht hatte, ist es schwierig Menschen Wut oder Aggressionen zu verübeln. Dennoch gilt es eine gewisse Gerechtigkeit und Menschlichkeit aufrecht zu erhalten. Einer der rabiateren Wärter hatte begonnen die inhaftierten Frauen als Gruppe vor ein großes Waggonet zu spannen und dieses ziehen zu lassen, mittlerweile konnten aber Pferde für diese Arbeit eingesetzt werden. Als schließlich der Vorgesetze dieses Wärters von meiner Ur-Großmutter und den inhaftierten Frauen erfuhr, was dieser mit den Gefangenen abzog, wurde sofort Einhalt geboten und für die Absetzung gesorgt. Dies zeigt auch, dass von einigen trotz der Situation versucht wurde, gewisse Grenzen nicht zu überschreiten.

 


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Kapitel 3.4. – [ VERSCHLEPPUNG ⛓ ]
⛏  Unfall in der Kohlengrube  🤕

 

(Katharina): Also unten, wir waren ja oben. Also unten in Munez, da wurde ja auch gearbeitet. So hat die mir das erzählt. Und da ist schon Wasser angelaufen. Und dort hab ich dann runter müssen zu den Russenfrauen. Dann hab ich dort auch wegdrücken müssen. Was meinst du, was ich dort dann gehabt hab? So ein kleines Pony! Das hab ich in das Waggonet einspannen müssen und das hat das dann gezogen. Und ich hab das geführt. Naja, das hat ja ganz schön funktioniert. Ich hab kein Saporilli gemacht. Das ist ja ganz schön gegangen. Aber ab und zu bin ich, also ich hab ja gute Stiefel bekommen, aber so bis an die Knie ist man dann schon im Wasser gegangen. Und dann dort wo es in die Höhe gegangen ist, und dann das Russenmädchen, das das alles oben abgefangen hat und in die Mulde rein gekippt hat, um es unten zu laden, das ist nicht zurecht gekommen. Dann musste alles stehen bleiben, also die ganzen vollen Waggonets. Dann ist der gekommen, der Natschalni, und der hat dann gesagt:

                                     (Natschalni): Kathia! Du gehst da jetzt hoch und hilfst!

Also auf Russisch. Dann bin ich hoch, und das Mädchen stand da und hat geweint. Dann hab ich ihm die Hand gegeben und hab meinen Namen gesagt, gell.

              (Kathi): Ich heiß Kathia!

Dann ist sie mir um den Hals gefallen.

                           (Mädchen): Ich Kathia!

Naja, sie heißt auch Kathia. Dann hat sie mich um den Hals genommen und hat doch so bitterlich geweint. Dann hat sie mir gezeigt, wie viel Jahre sie alt ist. Und von wo sie her ist, aus Kiew. Seit zwei Jahren ist sie schon da, hat sie gesagt. Also gut ist. Und ja, wenn sie einen Brief bekommen hat von daheim, dann hat sie eben immer geweint. Ich war eine Zeit lang immer bei ihr abends helfen, und naja, dann hab ich halt immer mit geweint. Was hätte ich denn machen sollen.

Und einmal war es dann wieder so schwer und ich konnte es nicht stemmen. Und dann ist der Natschalni von unten hoch gekommen:

                                   (Natschalni): Tschurrdlir!!! Ich schlag euch, ich mach euch hin!                                                              Schau mal da unten, was da unten ist!

Also dann hat er geholfen wegzudrücken. Er war in der Mitte, ich war rechts und sie war links. Ich hab nichts gemacht, ich hab meine Hand nur dran und dann gedrückt. Was das Mädchen gemacht hat, weiß ich nicht. Wie wir dabei waren das Umzukippen, da hat es dem eine zuviel gegeben. Was meinst du! Der ist über das Waggonet und das Waggonet über ihn. Bis das unten war! Das ist dann nicht in die Mulde, sondern auf die Parade Barkold, oder wie man das genannt hat. Weil unten keine Waggons waren. Der ist aufgestanden, der hat geschrien auf Russisch:

                                   (Natschalni): Ich hol den Keiler! Wart ich komm hoch, ich mach                                                              euch hin!

Weißt du, was das Mädchen gemacht hat? Wir sind in das Häuschen, dort wo der Strom war. Das hat abgestellt, hat abgeschlossen, hat den Kalavat in die Hand genommen und hat gesagt:

                     (Mädchen): Kathia, wenn er jetzt kommt, dann schlag ich ihn hin!                                                       Wenn er die Tür aufbricht!                          

Dann hab ich so für mich gesagt:

              (Kathi): Also das darfst du doch nicht machen.

Also er ist dann gekommen bis an die Tür. Er hat den Keiler gehabt und hat getobt. Dann hat sie gezeigt, was sie hat, gell.

Und was meinst du, was der mit uns, also der war ekelhaft der Natschalni. Was der mit uns gemacht hat, wenn wir in der Frühschicht waren um 4 Uhr und wenn er noch nicht unsere Namen gehabt hat. Dann hat er einen Strick genommen, dann sind wir zur Steingrube raus, dort herum und dort standen viele leere Waggonets. Dann hat er uns dort eingespannt und das haben wir dann ziehen müssen bis in die Grube rein. Ohne Schiene. Also wir waren ja 13. Und wenn er uns dann eingespannt hat, dann hat er immer gesagt:

                                   (Natschalni): Ander derwei Frau! Bistrei Bistrei Bistrei!!!

Also gut ist. Und der Heimoffizier hat uns morgens raus übergeben, also jeden Morgen. Und um 4 Uhr übernommen. Wir konnten ja nicht betteln gehen. Wir konnten ja nicht, also an der Linie waren ja keine Häuser, gell. Also, das ist so acht Tage gegangen. Und da hat dann die Eine gesagt:

              (Kathi): Wisst ihr was? Heute sagen wir dem Philosophee, was der mit uns                             macht!

Also weil wir da wieder zu spät gekommen sind, da haben wir dann gesagt:

                           (Frauen): Also wir sind nicht betteln gegangen, wir können ja nicht.

(Heimoffizier): Das weiß ich doch, dass keine Häuser da sind! Aber wo fliegen wir rum?

Naja, dann haben wir erzählt, was der mit uns dort macht. Dann hat er gefragt:

(Heimoffizier): Sind dort Felsen?

                           (Frauen): Ja, haben wir gesagt.

(Heimoffizier): Sind da auch Felsen, bei denen ich mich verstecken kann?

                           (Frauen): Ja.

(Heimoffizier): Ich bin schon um halb 4 Uhr dort!

hat er gesagt.

(Heimoffizier): Wenn ihr kommt, dann könnt ihr denken, ich bin dort!

Also gut. Als wir wieder gekommen sind, da hat er wieder den Strick genommen und um uns herum. Die 13te war immer die Erste.

                                   (Natschalni): Na, anna darwei frau. Bistri bistri bistri!!

Hat der Natschalni gemacht. Der Heimoffizier ist dann hinten vom Felsen heraus gekommen.

(Heimoffizier): Schluss!

hat er gesagt.

(Heimoffizier): Runter! Und alle in die Baracke!

Und die zwei Frauen, die an der Mulde waren, wo es so runter geht. Da hatte man ja so stehen müssen. Also so, und dann immer acht Stunden immer so machen, damit das in die Waggons hinein geladen wird. Die hat er nicht zum Essen gehen lassen und zwei Mal hat er sie geschlagen. Also die haben ihres dann auch noch gesagt. Wir sind dann in die Baracke.  Dann haben sie uns gefragt:

                                           (Kameradinnen): Wieso seid ihr heute schon so früh da?

                           (Frauen): Wir sind erlöst worden!

Haben wir dann gemeint. Morgens sind wir dann hingekommen, dann war er nicht mehr da. Da war dann ein anderer Mann. Er hat ihn abgesetzt, gell. Und der Mann hat das ja gewusst, dass der abgesetzt worden ist. Jetzt ist der dran. Der war dann sehr gut mit uns.

 


 

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[erscheint in der nächsten Ausgabe]

 


 

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PART III – VERSCHLEPPUNG

PART II – KINDHEIT

PART I – INTRO