Familiengeschichte im Schatten der Vergangenheit
Eine filmische Spurensuche
Ist die 13 tatsächlich eine unglücksbringende Zahl? Oder wie lässt es sich erklären, dass am Abend des 2. Juli 2026 recht wenig Leute den Weg in das Heilbronner Arthaus-Kino gefunden haben? Denn es war die 13.Vorführung in Heilbronn im Rahmen der Dokumentarfilmreihe „Siebenbürgen heute – eine europäische Landschaft“. Dafür war aber der Saal bei der Filmvorführung am 27. März 2025 ausverkauft.
Oder lag es eher daran, dass der Film nicht allgemein die Geschichte und Kultur der Siebenbürger Sachsen in Rumänien behandelte? Im Mittelpunkt stand vielmehr eine Familiengeschichte, erzählt vor dem Hintergrund der rumänischen Geschichte in den Zeiten des Kommunismus. Zudem wurde sehr viel Rumänisch gesprochen. Es gab keinen Pali, sondern țuică. Und man hörte auch kein „Helf Gott“, der traditioneller Arbeits- und Alltagsgruß aus der bäuerlichen und handwerklichen Kultur der Siebenbürger Sachsen.
Der Film „Schon lange kein Frühling. Mein Vater, Rumänien und ich“ ist ein Roadtrip in die Erinnerungen der Familie Bidian und ein Brief an den Vater, über den so vieles im Dunkeln liegt. Die Regisseurin und Kamerafrau Alexandra Bidian begibt sich auf Spurensuche, um mehr über „Tata“ – ihren Vater, seine Geschichte und seinen Einfluss auf ihr eigenes Leben zu erfahren.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand in Rumänien ein kommunistisches Regime, das bis heute als eines der repressivsten hinter dem Eisernen Vorhang gilt. Intellektuelle, die bürgerliche Elite und jeder Widerstand wurden brutal bekämpft und im Keim erstickt. Verhaftungen, der allgegenwärtige Geheimdienst „Securitate“, der Größenwahn des späteren Diktators Ceaușescu und Hungersnöte prägten dieses System. Der Film lässt erahnen, wie weitreichend Überwachung und Bespitzelung durch die Securitate damals waren.
Sie war erst 21, als ihr Vater mit 83 Jahren an einer Lungenentzündung starb. Gemeinsam hatten sie im Jahr 2010 den Sommer in einem kleinen Dorf am Fuße der Karpaten in Rumänien verbracht. Schön festgehalten wurden im Film die Abenden, an denen sie zusammensaßen und redeten. Sie stellte Fragen, der Vater beantwortete sie, danach stellte sie wieder Fragen. Die Familie reiste ab, Alexandra blieb noch auf Spurensuche in Rumänien. Zurückgekehrt nach Deutschland konnte sie ihren Vater nur noch in einem Krankenhausbett sehen, wo er wenig später ins Koma fiel und starb.
Im Film ist für wenige Sekunden auch der in Woiteg geborene und in Temeswar aufgewachsene Helmuth Frauendorfer als Interviewpartner bzw. Weggefährte des Vaters zu sehen. Er gehörte zu jenen Personen, die im Rahmen der Spurensuche von Alexandra Bidian über ihren Vater zu Wort kommen. Denn auch er gehörte zu jener Generation deutschsprachiger Autoren aus dem Banat, die unter der kommunistischen Diktatur von Nicolae Ceaușescu lebten und wegen ihrer unabhängigen Haltung von der rumänischen Geheimpolizei, der Securitate, verfolgt wurden.
Das an den Film anschließende Gespräch zwischen der Regisseurin Alexandra Bidian und Dr. Heinke Fabritius, der Kulturreferentin für Siebenbürgen am Siebenbürgischen Museum, hat den Abend bereichert. Dabei erfuhren wir Zuschauer zum Teil Hintergründe, die im Film selbst nur angedeutet werden.
„Schon lange kein Frühling“ ist in viereinhalb Jahren Arbeit entstanden. Zwischen Idee und Finalisierung lagen viele Reisen der Filmmacherin von Deutschland nach Rumänien vor. Und die Entdeckung von Ordner mit über 2.000 Seiten im rumänischen Geheimdienst-Archiv CNSAS. Es folgte eine intensive Auseinandersetzung mit der rumänischen Geschichte, der Fund von mehreren Hundert Briefen im elterlichen Keller, das Sichten von fast 100 Stunden VHS-Material und das Lesen unzähliger selbst geschriebener Gedichte.
Alexandra lernte dabei Geschichten von und über ihren Vater kennen, wie z.B. seine Gefängnisstrafe im Alter von 17 Jahren, weil er sich antikommunistischen Partisanen in den rumänischen Bergen anschließen wollte. Diese Haft war Teil einer längeren Biografie von Verfolgung, Enteignung und Repression unter dem kommunistischen Regime. Es folgten Jahre der Entbehrung und Verfolgung im kommunistischen Rumänien, die Enteignung der bürgerlichen Familie, die Flucht nach Deutschland.
Gerade diese frühe Gefängniserfahrung scheint ein Schlüssel zum Verständnis des Films zu sein: Alexandra Bidian beschreibt, dass sie über ihren Vater lange nur „Überschriften“ kannte – darunter eben die Haft mit 17 Jahren – und sich mit dem Film auf die Suche nach den fehlenden „Kapiteln“ seines Lebens machte. Schockierend sind auch die preisgegebenen Foltermethoden der „Securitate“. Der Vater zog sich Rheumatismus zu, weil er beim Verhör stundenlang nackt im kalten Wasser stehen musste.
Der Kinoabend war eine Veranstaltung der Kulturreferentin für Siebenbürgen, Bessarabien, die Dobrudscha und den Karpatenraum am Siebenbürgischen Museum Gundelsheim in Kooperation mit der Kinostar Theater GmbH, der Kreisgruppe Heilbronn im Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland e.V. und dem Deutschen Kulturforum östliches Europa, Potsdam.
Laut Regisseurin und Kamerafrau Alexandra Bidian ist der Film ab dem 19. September 2026 in der ARD-Mediathek abrufbar. Und dort lässt sich der Film problemlos stoppen oder zurückspulen, falls eine Szene genauer angeschaut oder ein Dialog besser verstanden werden möchte.
Toni Michels
