Zeitzeugin: KATHARINA FRANK Kapitel 4.4.: Quer durch Deutschland und Probleme mit den Grenzwächtern

Als es dann wärmer wurde startete meine Ur-Großmutter mit fünf weiteren Frauen zur nächsten Etappe der abenteuerlichen und beschwerlichen Heimreise. Sie brachen von Frankfurt Oder auf und zogen Richtung Süddeutschland, um über Österreich und Ungarn wieder ins Banat zu gelangen. Zunächst galt es allerdings die Zonengrenzen zu überqueren. Einige Stücke konnte die Gruppe auch mit dem Zug fahren, die Grenzen zwischen den Ländern und auch zwischen den Zonen waren jedoch dicht und man musste sich andere Wege auf die nächste Seite suchen.

Zwischen der britischen, französischen und amerikanischen Zone gab es kaum Kontrollen, aber sehr wohl zwischen der russischen Zone und den anderen drei Besatzungsmächten. Katharina Frank und die anderen fünf Banaterinnen kämpften sich oft zu Fuß durch, hatten aber auch Glück und erhielten Hilfe durch Anwohner oder Reisende, die sie trafen. Eine erstmals vermeintliche Hilfe, erwies sich dann aber jedoch als eine Finte. Es ist ihnen zwar nichts passiert, aber Schleuser, die sie über die Grenze bringen sollten, ließen die Gruppe nachts im Patrouillengebiet im Regen stehen.

 

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Kapitel 4.4. – [ NACH DER HEIMAT 🏘 ]
  🎒 Quer durch Deutschland und Probleme mit den Grenzwächtern 👮

 

 

Die haben mich nicht im Stich gelassen. Also wir haben uns so abgesprochen:

(Kameradinnen): Wenn das Wetter aufgeht, dann gehen wir zu Fuß heim!

Und wir sind dann gegangen, als das Wetter aufgegangen ist. Wart mal, Mai, Juni, im August, im Juli ist schon der Schnitt in Rumänien los gegangen. Wir sind, das war schon schwer. Wenn du dann gehst und du weißt nicht, wie lange du unterwegs bist und alles. Einmal waren wir eingesperrt, aber nicht lang, nur einen Tag und eine Nacht. Also dann waren wir schon sechs Frauen, die das zusammen gestellt haben. Und dann sind wir in den Zug. Ich war ja schon einmal um die Welt: Rumänien, Russland, Polen, Ostdeutschland, Österreich, Ungarn und dann nochmal Rumänien. Weißt du, dann findest du erst Gute. Aber die, in Russland die Frau, die war gut zu mir, sehr gut. In der Welt sind gute Leute und schlechte. In Österreich auch. Dort haben wir es auch gut gehabt, aber wir sind gegangen zu Fuß und haben geschlafen. Ach, weißt du, was sich da alles zugetragen hat. Von Bitterfeld, Bitterfeld das war die Stadt. Und Boch, das war neben der Stadt. Neben der Stadt waren wir. In Boch sind wir in den Bus bis Magdeburg. Und in Magdeburg sind wir in den Zug eingestiegen und sind über die russische-englische Grenze. Jetzt ist der Zug mal stehen geblieben, alle sind ausgestiegen und der Schaffner ist gekommen.

(Schaffner): Ihr müsst auch aussteigen!

Dann sind wir ausgestiegen. Da waren viele Leute, so viele Leute. Dann ist da eine Frau gekommen, die hat einen Kinderwagen gehabt. Dann hat sie gesagt:

(Frau): Wo wollt ihr denn hin?

Die hat gesehen, dass wir so andere Menschen sind. Dann haben wir ihr gesagt:

(Kameradinnen): Wir machen uns nach der Heimat! Ins Banat!

Wir haben immer Banat gesagt und dann erst Rumänien. Na, ob wir wissen wo die Grenze ist?

(Kameradinnen): Nein. 

Also wir können mit ihr kommen. Sie geht hamstern. Was sie jetzt da drin hat, dass verkauft sie dort in der englischen Zone. Und dann bringt sie von dort mit, was sie hier nicht haben. Auf einmal ist sie stehen geblieben, dann hat sie gemeint:

(Frau): Jetzt kommt Draht! Die Füße hoch heben! Und das ist die Grenze. Achtgeben, dass ihr nicht hinfallt.

Das war bei Hannover. Dort sind wir raus gekommen. Und der Bahnhof war zusammen gefallen, da war nur so ein Notgebäude.

(Interviewer): Wie viele wart ihr? Sechs Frauen?

Ja, sechs Frauen waren wir. Wir waren Kameradinnen. Da war eine für die andere da. Wenn wir betteln gegangen sind und alles. Naja, also dann sind wir dort zum Schaffner, um in den Zug zu gehen. Dann hat er gesagt, wir müssen jetzt aber über die Donau, dass wir nach Österreich können. Dort bei, nicht bei Dachau, bei Schalting oder wie das hieß. Dort sind wir dann, also wir haben dann ja schon zwei Tage nichts mehr gegessen und uns auch nicht gewaschen. Da war dann ein Brunnen, ein Pumpbrunnen und ein leerer Platz. Dort haben wir uns dann hingesetzt und was gegessen und haben unser Gesicht gewaschen. Also gut, jetzt müssen wir über die Donau. Da war ja eine Brücke. Dann sind wir über die Donau. Wir hatten dann aber auch schon andere Kleidung zum Anziehen. Weißt du die Leute, die haben uns ja was gegeben dort in der DDR. Die deutsche Soldatenkleidung, die haben wir in die Donau geschmissen. Dann mussten wir so ein bisschen den Berg hochgehen. Da sind wir dann hoch gegangen und als wir oben waren, da ha hat man so ein bisschen Licht gesehen. Es war schon Nacht und hat auch geregnet.

(Kameradinnen): Also das könnte der Bahnhof sein?

Und wirklich, es war die Notunterkunft. Dann sind wir da rein. Der hat dort dann gesagt:

(Mann): Bald kommt der Zug.

Geld hatten wir ja keins, er hat uns auch kein Geld verlangt. Und sobald der Zug stehen geblieben ist, hat er gesagt, wir können einsteigen. Dann sind wir eingestiegen. Und da können doch drei sitzen und nochmal drei. Und auf einmal ist der Zug stehen geblieben, da sind zwei Männer eingestiegen. Wir haben aber dann nichts mehr geredet. Dann sagt der Eine:

                         (Reisender): Warum sprechen Sie denn nicht?

Dann haben wir gesagt, wir ruhen halt. Dann sagt der Eine:

                         (Reisender): Ihr seid doch auf dem Weg nach der Heimat?

(Kameradinnen): Ja, haben wir gesagt.

                         (Reisender): Na, wo wollt ihr denn hin?

(Kameradinnen): Ins Banat auf Rumänien!

                        (Reisender): Wisst ihr denn wo die Grenze ist?

(Kameradinnen): Nein, wir haben so eine Landkarte und dann müssen wir sie suchen.

Also sie führen uns über die Grenze, wenn wir 50, also damals war noch die Reichsmark, also eine Jede muss 50 Reichsmark zahlen. Ob wir Geld haben? Wir hatten schon gehabt. Wir hatten dort, wo wir waren, 20 Mark monatlich von der Gemeinde bekommen. Aber das mussten wir nicht ausgeben. Jetzt sind sie runter. Dann haben sie gesagt, dass der Zug nochmal stehen bleibt und dann sollen wir aussteigen. Da ist ein Baumstamm und dort sollen wir uns drauf setzen und warten, bis sie kommen. Also das haben wir dann befolgt. Auf einmal sagt die Eine:

(Kameradin 1): Da kommen ja zwei!

                        (Kameradin 2): Dann sagt die andere: Das sind ja Grenzjäger!

Da waren sie dann angezogen als Grenzjäger. Bis sie dann bei uns waren, da haben wir ja gewusst, wer sie sind. Zuerst haben wir ihnen das Geld geben müssen. Also dann zwei und zwei, fünf Schritte auseinander. Sie zwei sind voraus gegangen, und wir zwei und zwei sind mit fünf Schritte auseinander gefolgt. Auf einmal sind sie stehen geblieben. Als erstes haben sie es uns so gesagt, wenn sie, also hier war die Straße und da war der Graben, wenn sie ein Zündholz anbrennen und wegschmeißen, dann müssen wir uns in den Graben fallen lassen. Dann kommt der Ami. Also der Amerikaner. Das war dann schon der Weg zur amerikanischen Zone. Also gut ist, das hat geklappt. Sie mussten nicht weg. Sie sind stehen geblieben. Dann hat der Eine gesagt, wir sollen nach rechts schauen.

(Grenzwächter 1): Das große Haus ist hell beleuchtet. Das ist das Grenzwächterhaus der Amerikaner!

Die amerikanische Zone hat hier nun begonnen.

(Grenzwächter 1): Jetzt gehen wir nochmal im Gänsetrab. Jetzt kommen wir in einen Busch, das ist so hoch und dunkel. Das kann ungefähr zehn Minuten dauern.

So sind wir dann gegangen. Hinter denen. Und die sind dann so schnell gegangen, wir sind nicht mehr hinterher gekommen. Und als wir am Busch draußen waren, waren sie verschwunden. Fort waren sie. Das Geld hatten sie gehabt und wir waren noch nicht über der Grenze.

(Kameradinnen):  Was machen wir denn jetzt?

Es hat geregnet.


 

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PART IV – NACH DER HEIMAT

PART III – VERSCHLEPPUNG

PART II – KINDHEIT

PART I – INTRO