Zeitzeugin: KATHARINA FRANK Kapitel 4.3.: Der Holzklau und Aufbruch Richtung Süden

Frankfurt an der Oder sollte nun die neue Heimat für meine Ur-Großmutter und die anderen Frauen aus ihrer Gruppe werden. So wurde es ihnen gesagt, sie können nicht mehr zurück ins Banat. Der Winter stand bevor. Zunächst war es also gut, dass man ein Dach über dem Kopf hatte und auch auf Versorgung hoffen konnte. Diese war aber kaum ausreichend. Das ganze Land war noch im Aufbau, die Wirtschaft lag brach und der Ackerbau kam langsam wieder in die Gänge. Es war äußerst schwierig die Bevölkerung vor allem in den Anfangsjahren nach dem Krieg überhaupt zu versorgen, geschweige denn zusätzliche Neuankömmlige. Stück für Stück wurde es besser.

Katharina Frank und die anderen Frauen durften im Wald nach Feuerholz suchen, um dies für die Beheizung ihrer Notunterkunft nutzen zu können. Die Erlaubnis galt jedoch nur für Büsche und Sträucher. Damit kann man kein wirkliches Feuer machen und auch nicht richtig kochen. Im Wald fanden die Frauen aber auch größere bis sehr große Holzstücke, die sie mit ins neue Heim brachten. Und zwar so viel, dass nun für die Wintermonate gesorgt war. Das war der gute Teil. Nicht so gut war, dass dieses Holz als Bauholz vorgesehen war und jemand anderem gehörte. Wieder sind die Banater Frauen in ein Fettnäpfchen getreten und meine Ur-Großmutter musste mit den anderen erneut beim Bürgermeister antreten. Es war einerseits ein Missverständnis, andererseits auch eine Tat aus der Not. Man hatte gelernt zu überleben. Die Frauen hatten mittlerweile auch das Schmieden ihrer Pläne für die selbstverständlich stattfindende Rückreise abgeschlossen. Es bestand bereits Briefkontakt und Katharina erfuhr, dass schon einige Verschleppte illegal über die Grenzen zurückgekehrt sind. Sobald der nächste Frühling kommt, sollte es los gehen.

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Kapitel 4.3. – [ NACH DER HEIMAT 🏘 ]
🌳  Der Holzklau und Aufbruch Richtung Süden  🎒

 

 

Dann hatten wir eine Zusammenkunft. Wir sind eingeladen worden zu einer Weihnachtsfeier. Dann hat der uns da auch vorgetragen, das ist jetzt unsere Heimat und wir könnten nicht mehr zurück und all das. Aber wir waren noch nicht in Verbindung mit daheim. Und auf einmal haben wir dann gesagt:

(Gruppe): Ja, schreiben wir doch mal heim und fragen, was denn los ist.

Und dann haben wir schon eine Verbindung erhalten und mitbekommen, dass Leute schon schwarz über die Grenze gekommen sind. Na, dann haben wir die Karten bekommen für Fleisch und für Brot. Die Brotfrau, die war eine große starke Frau. Die hat doch so einen Kropf gehabt. Und die hat uns immer ein bisschen mehr Brot gegeben. Wir haben doch nur 200 Gramm auf den Tag bekommen. In Russland nicht mehr und in Deutschland auch nicht mehr, und die Einwohner haben auch nicht mehr bekommen. Und die Nachbarin auf der anderen Straßenseite, die war so gut zu uns. Die hatte drei Jungen, mit zwei Jahren, fünf Jahren und mit neuen Jahren. Und dann hat der Bürgermeister gesagt, die Briketts, die wir bekommen haben und die paar Kartoffeln, das hat doch alles nicht gereicht. Wir waren sechs in zwei Zimmern. Also zwei Zimmer und eine Küche waren da gewesen. Noch ein kleiner Vorraum und ein Abstellraum. Dann hat der Bürgermeister gesagt, wir können in den Wald gehen und die Sträucher zusammen sammeln. Dann sind wir in den Wald gegangen und am Anfang haben wir die Sträucher zusammen gesammelt. Ja, wir mussten ja Tag und Nach heizen, weil wir doch nichts hatten, um uns zuzudecken. Dann haben wir das der Nachbarin erzählt, die war sehr gut mit uns. Der Kleine war immer bei uns, dann haben wir ihm zu essen gegeben. Dann hat die Nachbarin gesagt, sie gibt uns den Hundewagen und ein Strick zum Abbinden. Und die hat das dann gemacht. Dann haben wir gesagt:

(Gruppe): Aber dort liegt so schönes Holz. So lange Stämme. Na, da bräuchten wir eine Säge.

                        (Nachbarin): Die haben wir auch. Die geb ich euch auch.

Was meinst du, was wir dann gemacht haben? Dann haben wir keine Sträucher mehr zusammen gesammelt, wir haben dann das Bauholz verschnitten. Auf einmal hatte die eine Kameradin die Gelbsucht. Auf einmal sagt die Eine dann:

(Kameradin): Schau mal, da kommt ein Mann.

Und wir haben da geschnitten und aufgeladen.

(Mann): Guten Morgen, guten Morgen. Na, was macht denn ihr da?

Dann haben wir gemeint:

(Gruppe): Wir sollen nur die Sträucher und das hier, also wir haben doch nichts, wir sind doch die Deutsche, die von Russland her gekommen sind. Wir brauchen anderes Holz, das Glut macht.

(Mann):  Wisst ihr, was ihr hier macht? Ihr klaut ja mein Bauholz!

Dann hat der Mann uns ausgelegt, dass das Parzellenweise aufgeteilt wird. Nicht er hat das Holz gehauen. Und dann ist er vor die gegangen, die die Gelbsucht hatte:

(Mann):  Gestern waren Sie bei mir betteln, da hab ich Ihnen die Kartoffeln gegeben!

(Kameradin): Na mit was soll ich denn die Kartoffeln kochen? Da brauch ich doch Holz!

Wir haben aber fertig aufgeladen, der Mann ist schön fort gegangen, hat nochmal gegrüßt und ist sein Weg gegangen. Und wir sind heim gefahren. Aber wir haben schon viel im Wagen gehabt. Wir mussten dann nicht mehr gehen. Wir waren keine halbe Stunde daheim, da hat es geklingelt. Dann ist eine raus schauen gegangen, da war es der Gemeindediener.

                        (Gemeindediener): Was habt ihr denn heute angestellt?

Die rumänisch-deutschen Frauen waren wir.

(Gruppe): Ha gar nichts!

Haben wir gesagt.

                       (Gemeindediener): Im Wald, am Holz!

(Linser-Kathi): Ach was!

Hat die Eine gesagt, die Linser-Kathi.

(Linser-Kathi): Das haben wir uns geholt, dass wir nicht immer da sitzen müssen und nachladen müssen.

                        (Gemeindediener): Zum Bürgermeister! Alle zum Bürgermeister!

Dann sind wir dort hin, und an der Tür, also die Serbisch-Banater sind damals auch alle gekommen. Also die sind durchgegangen, da war doch auch der Krieg. Jetzt schaut der Diener auf einmal raus:

(Sekretär): Sind die rumäner-deutsche Frauen da?

Hat er gerufen.

(Sekretär): Rein!

Jetzt sind wir rein, dann mussten die Platz machen. Dann hab ich gehört, wie die gesagt haben:

(Sekretär): Die sind grad gekommen, jetzt sind die schon dran!

Als wir dann rein gekommen sind, dann saß er da. Neben dem Bürgermeister. Der Mann, dem das Holz gehört hatte. Da sagt der Bürgermeister:

(Bürgermeister): Was habt ihr heute angestellt?

Dann haben wir gesagt, was wir gemacht haben. Dass wir mit den Sträuchern nicht zufrieden waren.

(Gruppe): Es war keine Glut. Wir müssen mittags kochen, wir müssen abends kochen. Mittags Kartoffelstückchen und am Abend 40 oder 50 Pellkartoffeln. Wir brauchen doch Glut und für die ganze Nacht, dass wir auch warm haben. Wir haben keine Decke zum Zudecken.

(Bürgermeister): Wissen Sie was? Jetzt gehen Sie nach Hause und machen das nicht mehr.

Dann sind wir gegangen. Als wir draußen waren haben wir gelacht.

(Gruppe): So. Nichts hat uns anbringen können.

Und wir haben den Schuppen voll Holz gehabt. Dann im Frühjahr, wie das Frühjahr aufgegangen ist, wir sind dann schon in Verbindung gewesen. Und wie dann das Frühjahr aufgegangen ist, da hat man mitbekommen, dass von Bayern welche durch gegangen sind und von hier und von dort. Welche sind aber zu früh gegangen, die sind dann auf dem Eis liegen geblieben. Da muss man auch aufpassen, dass die einen nicht schnappen. Wir haben uns dann aber soweit informiert und uns auch die Zonenlandkarte gekauft. Eine jede hat eine Zonenlandkarte gehabt.

(Gruppe): Also dann und dann, wenn das Wetter sich aufklärt, dann gehen wir auch!

Der Brotfrau haben wir gesagt:

(Gruppe): Wir bleiben nicht hier!

                        (Brotfrau): Wieso nicht?

Hat die das erste Mal gesagt.

(Gruppe): Wir sind mit daheim in Verbindung. Wir gehen nach Hause, wenn sich das Wetter aufklärt!

                        (Brotfrau): Na dann ist ja schön!

Beim Fleischer, wo wir immer unser Fleisch geholt haben. Dem haben wir das auch gesagt. Und auf einmal war es soweit. Nun gut.

(Gruppe):  Auf, wir gehen Abschied sagen zu den beiden.

Da sind wir dann alle sechs Abschied nehmen gegangen. Zuerst zu der Brotfrau. Die hat dann geweint. Und dann hat sie uns noch zwei große lange Brote mitgegeben. Für auf den Weg, damit wir nicht betteln müssen. Und dann haben wir uns bei ihr bedankt, weil sie uns mehr gegeben hat. Und dann sind wir zum Fleischer gegangen. Und der hat uns große Konservendosen gegeben, zwei Stück. Für auf den Weg, damit wir nicht betteln müssen. Aber das hat ja doch nicht gereicht, wir mussten doch betteln gehen. Und dann haben wir uns auf den Weg gemacht.


 

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>>> Kapitel 4.4. Quer durch Deutschland und Probleme mit den Grenzwächtern >>>

 


 

Zum Anfang und zur Übersicht geht es hier:

PART IV – NACH DER HEIMAT

PART III – VERSCHLEPPUNG

PART II – KINDHEIT

PART I – INTRO