Zeitzeugin: KATHARINA FRANK Kapitel 4.2.: Stopp in Polen und der Bürgermeister von Frankfurt Oder

Angekomme in Brest oder Brestlitovsk an der polnischen Grenze, stand zunächst der Umzug in die deutschen Waggons an. Die russischen Schienen sind breiter als die deutschen und daher wurden die Züge gewechselt. Zum Austausch wurden Reparaturgüter und beschlagnahmte Kriegsbeute aus den Zügen von Deutschland in die Waggons, die wieder Richtung Russland fuhren, gebracht. Es muss Herbst 1951 gewesen sein, Deutschland hatte den Krieg vor sechs Jahren verloren, Bezahlungen würden aber noch für eine lange Zeit anstehen. Vor allem aber auch Besatzungen. Dies stellten die Banater Frauen auch fest und mussten sich nun über die Überquerung von mehr Grenzübergänge Gedanken machen, als angenommen. Zunächst sollte aber eine herzliche Begrüßung in Frankfurt Oder anstehen. Die Frauen waren erst mal in Sicherheit und unter guter Obhut.

Meine Ur-Großmutter war nicht die erste Rückkehrende, die in Frankfurt Oder eingetroffen ist. Die Anwohner waren bereits darauf vorbereitet und der Bürgermeister hatte sich schon um Unterkunft und Begrüßung gekümmert. Doch nach einer so langen Zeit im Lager und in Gefangenschaft kann man schlecht von einem Moment zum anderen zur Ruhe kommen. Katharina Frank und die Frauen erhielten zwar etwas zu Essen, aber bis zum richtigen Empfang mit dem Bürgermeister sollte es noch dauern. Die Gruppe nutzte also die Zeit, ging betteln und machte dabei eine Bekanntschaft, die zu einer amüsanten Situation führen sollte. Sie sind sozusagen ins Fettnäpfchen getreten. Vielleicht war dies etwas peinlich, aber im Nachhinein eben sogar auch lustig. Wirklich peinlich sollte dann aber die Aktion während der Nacht werden. Man bedenke, die Frauen waren mehrere Jahre im Arbeitslager, hatten ein Minimum an Verpflegung erhalten und waren von Krankheit und Hunger gezeichnet. Dementsprechend verändert funktionierte das Verdauungssystem. Es waren keine große Mengen, die die Frauen an diesem Abend gegessen hatten, aber der Magen war auf derart viel mehr Essen im Vergleich zur Zeit davor nicht mehr eingestellt. Und die Latrine war auf der anderen Seite des Hofes. Ein etwas unschöner erster Eindruck, aber es waren die Jahre nach dem Krieg und die Menschen hatten großes Verständnis dafür, was den Rückkehrenden alles wiederfahren sein musste.

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Kapitel 4.2. – [ NACH DER HEIMAT 🏘 ]
🛑  Stopp in Polen und der Bürgermeister von Frankfurt Oder  🏛

 

 

Das war dann, also für fünf Jahre waren wir deportiert. Und so wie man gekommen ist, so hatte man dann Heim dürfen. Und der Rumäne, also den ersten Transport hat der Rumäne nochmal angenommen. Die anderen Transporte dann nicht mehr. Und wir wussten nicht, also in dem Transporter waren dann ja viele, gell. Auf einmal ist der Zug stehen geblieben, da haben wir ja gelesen, da waren wir dann in Polen. Die Glocken haben geläutet, das war sonntagmorgens.

(Kameradin): Jeh!

Hat die Eine gesagt.

(Kameradin): Wir sind ja in Polen! Wir fahren ja gar nicht nach Rumänien!

Dann hat es geheißen bis Brestlitovsk, dort ist der Zug stehen geblieben. Und dann sind Waggons gekommen. Die Waggons der Russen sind breiter, die können nicht hier auf die Schienen. Dann ist der Zug gekommen, also auf dieser Linie dann. Von Tür zu Tür. Was in den deutschen Waggons dann drin war, das haben wir müssen, also wir sind raus aus unserem Waggon von Russland. Und was in den deutschen war, das haben wir rausholen müssen und in den russischen Waggon einladen. Was meinst du, was die da alles abmontiert hatten. Was die fortgeschleppt haben von Deutschland. Dann sind wir in die Waggons rein. Und dann sind wir bei Bretlitovski, das war die Umsteigestation, was kam dann? Ja, Frankfurt an der Oder. Auf einmal durften wir, also die Tür war nur ein spaltbreit offen. Es war ja ein Viehwaggon. Und auf einmal ist der Zug stehen geblieben, dann sind die Russen gekommen und haben das zugeschlagen. Die waren da zu viert, und haben das dann zugeschlagen. Also jetzt fahren wir über Frankfurt an der Oder über den Fluss. Dann sind wir so schön oben, also da war ja so ein Fensterchen mit einem Gitter und eine jede wollte da oben sein und schauen, wie wir über den Fluss fahren. So schön langsam ist der Zug gefahren und als wir drüber waren, da hat man dann gespürt, dass wir jetzt reinfahren in die Station. Auf einmal ist er stehen geblieben und dann hat man gehört:

(Helfer): Hallo, hallo, aufmachen die Tür. Das Rote Kreuz ist da mit Kaffee und Tee.

Und so eine ganze Menge hatten die da.

                        (Kameradin): Jeh! Wir sind jetzt in Frankfurt an der Oder!

Na gut ist. Also die Türen sind aufgemacht worden. Der russische Stab hat uns fast nichts zu essen gegeben auf dem Weg, die sind eingesperrt worden. Und dann hat das rote Kreuz uns übernommen. Dann waren wir drei, vier Stunden auf dem toten Gleis. Auf einmal mussten wir aussteigen, also dann auch mit Potschidiri. Also vier und vier zusammen stellen. Und dann sind wir in die Stadt reinmarschiert. Da war dann ein große, großes Haus. Das war aber ein Gefängnis. Und dort sind wir dann rein, da sind wir dann registriert worden und entlaust worden. Da haben wir dann eine deutsche Montur bekommen, eine Soldatenmontur zum Anziehen, weil wir doch nichts anderes hatten. Dann sind wir eingeteilt worden in eine Wirtschaft. Wir waren dreizehn oder vierzehn Frauen. Wir waren bei einem gewissen „Staider“. Als wir dort hingekommen sind, dort hinein in den Saal, da war ein langer Tisch. Rundherum so viele Menschen, wie wir waren, rundherum Stühle. Und dann auf dem Tisch, also nicht die normalen Teller, sondern die Kartonteller. Und auf einem jeden Teller war allerhand zu essen. Wir mussten dann warten, bis der Bürgermeister kam. Der ist dann so lange nicht gekommen. Was meinst du, was wir dann gemacht haben? Dann sind wir betteln gegangen. Da sind wir dann, ich und meine Kameradin, dort in ein Haus rein und dann hat die Frau als sie uns kommen gesehen hat, gesagt:

            (Helfende Frau): Geht nur hinein in die Diele. Ich hab noch was mit den Ziegen zu tun.

Sie hat einen Geisbock gehabt und da war eine Ziege.

            (Helfende Frau): Ich komm schon hinein. Ich weiß schon, wer Sie sind.

Also jetzt sind wir da rein und haben uns hingesetzt. Dann ist sie rein gekommen, dann sagt sie, also sie hat uns die Hand gegeben und ihren Namen gesagt. Die Frau hat dann gemeint, wir sind ihre Gäste für heute Abend. Sie macht Kartoffelklöße mit Heidelbeersoße. Wir sind ihr Gast! Nun gut ist, wir saßen dann da. Auf einmal hat es geklingelt.

            (Helfende Frau): Also das ist jetzt erst meine Tochter, das ist noch nicht mein Mann.

Dann ist die Tochter rein gekommen. Sie hat sich auch vorgestellt. Dann hat sie die Kartoffeln geschält, da haben wir auch geholfen. Die waren doch zuerst gepellt. Und auf einmal hat es nochmal geklingelt.

            (Helfende Frau): Na das ist jetzt mein Mann!

Und wirklich. Es war dann der Bürgermeister. Sie hat aber nicht gesagt, dass ihr Mann der Bürgermeister ist. Der hat sich dann vorgestellt. Und wer ist es?

(Bürgermeister): Na der Bürgermeister! Und alle warten auf euch! Da ist doch zu essen.

Er geht noch mal mit zurück, hat er gemeint. Dann sind wir nochmal zurück. Meine Kameraden waren schon alle da, die anderen waren auch betteln. Und dann hat er sich oben an den Tisch gesessen und dann hat er gesagt:

(Bürgermeister): Das hier wird jetzt eure neue Heimat. Ihr könnt nicht mehr auf Rumänien ins Banat, die nehmen euch nicht mehr an. Und hier ist dann jetzt die neue Heimat.

Das war kurz vor Weihnachten. Jetzt saßen wir alle am Tisch und haben da gegessen. Aber jetzt wo hinlegen? Dann hat der Wirt gesagt, zwei sollen mitkommen, er geht zum Nachbarn, der ist ein Bauer und der hat so Strohballen. Und er will ihn bitten für Stroh, dass wir uns Stroh da hinlegen können und das wir uns dann wenigstens hinlegen können. Also gut. Ich war gleich dabei, um mit zu gehen. Eine andere auch. Dann sind wir zu viert mitgegangen. Wir haben dann jede so einen Ballen gehabt. Das war ja schwer. Dann haben wir das so auseinander gemacht. Na was haben wir jetzt? Wir haben doch nichts zum hinlegen und auch nichts zum Zudecken. Also nur das, was wir an uns hatten. Die deutsche Montur und die Holzschuhe, die Holzschlappen. Dann haben wir uns hingelegt und erzählt. Weil wir so gut gegessen haben, also zweimal haben wir an den Tag zu essen bekommen und der Magen hat das doch noch nicht so angenommen. Weißt du? Unser Magen war ja zusammengeschnürt. Wir waren das doch nicht mehr gewöhnt. Dann hat die eine gemeint:

(Kameradin 1): Ich muss!

Dann hat die andere gemeint:

                            (Kameradin 2): Ich muss auch!

Die waren so nahe an der Tür gelegen. Dann hab ich gesagt:

                                          (Kathi): Ja, ich muss auch!

Und so ist das dann gegangen. Dann haben wir die Tür aufgerissen. Wir haben ja gar nicht gewusst, wo das Klo ist. Was meinst du? Da war dann asphaltiert, das war für im Sommer. Dort haben wir uns dann hingesetzt und haben unsere Not verrichtet. Und dann sind wir zurück rein, dann sind wir aber eingeschlafen. Da klopft es morgens an der Tür. Dann hat die eine, die nahe an der Tür war, gesagt:

(Kameradin): Der Hauswirt ist da!

Dann ist sie aufgestanden und hat aufgemacht. Da sagt er:

                        (Bürgermeister): Guten Morgen Kinder!

(Gruppe):  Guten Morgen!

Haben wir gesagt.

                        (Bürgermeister): Was habt ihr denn gemacht heute Nacht?

(Gruppe): Ja.

Haben wir gemeint. Er soll es uns verzeihen.

(Gruppe):  Wir sind das Essen ja nicht mehr gewöhnt. Unser Magen ist ja ganz zusammengeschnürt. Wir werden das alles sauber machen.

Wir haben schon gewusst, was er meinte. Und dann hat er noch gemeint, ich werde euch helfen. Also drei WC waren. So eine Wirtschaft war das. Wir hätten die nicht einmal erreicht. Wir hätten eine ganze Straße gemacht. Also haben wir das schön gereinigt.

Foto von Kathle Hehn

 


 

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PART IV – NACH DER HEIMAT

PART III – VERSCHLEPPUNG

PART II – KINDHEIT

PART I – INTRO