Zeitzeugin: KATHARINA FRANK Kapitel 2.3.: Panik vor den Russen und dunkle Vorahnungen

Am 1. September 1939 brach der Zweite Weltkrieg aus. Rumänien agierte zunächst als Verbündeter Deutschlands, war aber 1940 gezwungen sich Russland anzuschließen. Dies hatte selbstverständlich Folgen für die Deutschen, die auf rumänischem Gebiet angesiedelt waren. Für die Familien und Zivilisten, viel schwerwiegender aber für die im Dienst gestandenen Soldaten und ehemaligen Militärs, je nachdem wo sie sich zu dem Zeitpunkt befanden. Das erneute Anrücken und die Stationierung der russischen Truppen 1940 bei Temeschburg (auch Temeswar oder rumänisch: Timișoara) sorgte bei meinen Ur-Urgroßeltern für Panik, die Angst und die Erinnerungen vom Ersten Weltkrieg waren noch allzu präsent. Außerdem hatte man gehört, was an anderen Orten bereits passiert ist. Bei allen leidvollen Ereignissen ist diese Geschichte hier dennoch schon wieder amüsant, weil die Eltern meiner Urgroßmutter aus Panik vor einer Plünderung durch russische Soldaten oder Vandalismusaktionen ihre eigenen Weinvorräte umsonst demolierten und in den „Hotach“ (=Acker) laufen haben lassen. Am Ende kam gar niemand…

Der zweite Abschnitt, der leider nichts mehr Witziges beinhaltet, verdeutlicht aber umso mehr die Angst, die die Menschen in der damalig vorherrschenden Situation gehabt haben mussten. Mein Ur-Ur-Ur-Großvater hatte sich nach dem Eintreffen der Russen auf dem Dachboden erhängt. Die aufkeimenden Erinnerungen an vergangene traumatische Erlebnisse im Ersten Weltkrieg führten zu durchgehender Panik vor einer erneuten Gefangenschaft. Er konnte nicht mehr anders und nahm sich in dieser Zeit das Leben. Gerade diese Erzählung ist eine wichtige und zeigt, dass die Menschen einfach Menschen sind. Wenn der Mensch zum anderen Menschen zu grausam wird, dann ist es irgendwann einfach zu viel. Ebenso viele unzählige ähnliche Schicksale haben sich auch in Russland und in Deutschland oder den vielen anderen mitinvolvierten Kriegsländern vollzogen. Ich empfinde es als unglaublich wichtig, diese vergangenen Geschehnisse und Abläufe verstehen zu können. Wir alle sollten dies Dinge verstehen. Wir sollten wissen, was passiert, wenn es eskaliert. Was es aus den Menschen macht und wieso es überhaupt dazu kommt. Und was man tun könnte, dass es eben nicht mehr passiert. Wie man nicht nur beobachten, sondern auch selbst eingreifen und beinflussen kann. All solche Dinge kann man lernen, wenn man zuhört. Ich hab meiner Urgroßmutter zugehört. Wenn ich nicht ohnehin schon die Energie für meine Motivation, meine Ideen und den eigenartigen Blick auf die Menschheit von ihr geerbt habe, dann hat sie diese zumindest entfacht und angeschürt. Wie kann ein Mensch mit 91 Jahren noch so viel geistige Energie, Klarheit, eigenen Wissensdurst und offenes Aufnahmevermögen besitzen? Sie ist und bleibt für mich ein Phänomen, aber natürlich in erster Linie ein großes Vorbild.

 


 

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Kapitel 2.3. –  [KINDHEIT👶]
Panik vor den Russen und dunkle Vorahnungen 💀

 

(Katharina): Also dann, wie ist das dann weiter gegangen? Ja. Also es war dann Winter und wir sind alle drinnen gesessen und haben Handarbeit gemacht. Meine Mutter und mein Vater waren draußen. Wir haben ja gar nicht geschaut. Der Vetter Stoffel, der ist immer gekommen. Das war sein bester Kamerad. Der hat keinen Weingarten gehabt. Der ist immer schauen gekommen, was er macht und dann hat mein Vater dem immer zu trinken gegeben.

                  (Vetter): Hallo, hallo, guten Tag. Wo sind denn eure Eltern?

                                               (Klein Kathi): Na draußen.

Jetzt ist er raus, nach einer Weile ist er wieder rein gekommen.

                  (Vetter): Ihr sitzt hier drinnen?

Da waren schon die Russen gekommen.

                  (Vetter): Ihr sitzt hier drinnen?

                                Seht ihr denn nicht, was eure Eltern machen?

                                               (Klein Kathi): Ja was?

                  (Vetter): Die tragen den Wein auf den Misthaufen!

                                               (Klein Kathi): Na, das gibt´s doch nicht!

Was meinst du? Ein 500 Liter Fass haben sie schon leer gehabt. Also meine Mutter hat es laufen gelassen. Mit zwei Eimern. Und mein Vater hat es raus getragen. Im Frühjahr. Weißt du wie der Misthaufen gestunken hat. Der hat ihn gestört:

                                               (Klein Kathi): Zu dir kommt doch kein Russe!

                  (Vater): Ja, der Russe kommt!

                                Und der macht die Pfähle alle raus!

                                Und der ganze Wein läuft dann alles in die Weinkammer.

In Lothringen haben sie es gemacht bei einem Großbauern. Die wollten essen, die Russen. Die Frau hat nichts gegeben, die war alleine. Was meinst du, was die gemacht haben? Die sind in den Keller und haben alle Zapfen raus geschlagen und den Wein in den Keller laufen gelassen. Hat sie dann mehr gehabt? Als ihr Mann dann heim gekommen ist, der hat dann geschimpft.

                  (Vetter): Hättest du das denen doch gegeben!

                                Die hätten dich doch nicht umgebracht!

Was meinst du! Und dann neben uns. Da war ein Haus, das war leer. Dann haben die dort einen Koch hingetan. Also die Russen haben ihren Koch dort gehabt. Und wir Kerle sind da immer rein und raus gelaufen. Die haben uns dann zu essen gegeben. Und unten auf der Hutweide, dort wo die Kühe und so waren, dort haben keine Kühe und Pferde mehr hin gedurft. Dort haben sie ihre Kanonen stehen gehabt. Weißt du, dass nicht ein Russe zu uns rein gekommen ist? Und meine Mutter und mein Vater haben den Wein auf den Misthaufen getragen. Dann hat er sich so geärgert.

Dann die Kuh, dann war das doch nicht genug. Gell, ein Liter Milch. Zu Fuß ist er zwölf Kilometer auf Temeschburg. Da hat er hinten und vorne fünf Liter-Kannen gehabt. Da ist er auf den Markt und hat Milch geholt. Dass Rahm im Haus ist und Käse. Dass meine Mutter und meine Großmutter den Kindern auch Käse und Rahm machen konnten. Dass alles da war. Nicht mal mit dem Zug ist er gefahren. Und zwölf Kilometer wieder heim. Und dann hat er das so rechts und links auf dem Rücken hängen gehabt. Das haben ja mehrere so gemacht, nicht nur er. Andere ja auch. Aber es war schon. Ja dann, ja dann ist, an einem Sonntagmorgen, und es war Ostern, an das kann ich mich noch so gut erinnern. Dann hat man Flieger gehört. Wir haben ja viel mitbekommen im Krieg. Aber es wurde uns nichts angetan. Dann hat er gerufen:

                    (Vater): Kommt mal alle raus.

Dann sind wir raus. Dann hat er gesagt:

                    (Vater): Schaut mal in die Höhe, was da ist.

Da war ein Schwarm von Fliegern. Da hat er gesagt:

                    (Vater): Heute bekommt Serbien Ostereier.

Die Bomben und das, das hat man schon gehört. Wir waren doch nahe an Serbien dran gelegen. Das Donnern und das Kloppen, weißt du wie ungeheuerlich das war? Und somit ist das so gegangen. So immer kaputt. Immer alles kaputt und nichts ist mehr zurück gekommen. Alles haben die. Und dann war das doch so schlecht. Dann bin ich doch auch heim gekommen von Russland, mein Mann vom Krieg. Wir waren bettelarm, wie die Kirchenmaus, so sagt man. Wir haben von vorne alles fix und fertig, ja von vorne anfangen müssen. Wir haben nicht nach hinten geschaut. Wir haben nur nach vorne geschaut. Und es hat auch geklappt. Ja, das ist ja nicht so leicht so etwas. Aber ich kann mir doch nicht mehr alles so ganz, so richtig so merken. Mein Kopf ist auch schon ein bisschen so anders. Ich bin ja 91 Jahre alt! Und ich lebe heute noch! Meine Schwester ist ja früh gestorben und mein Bruder, der hat müssen in den Stand. Der hat Einberufung erhalten zum Militär, so war das gewesen. Jetzt weiß ich nicht, ob er 18 Monate bleiben musste, und unterdessen ist der Weltkrieg ausgebrochen. Und der Rumäne ist zuerst mit Hitler gegangen, gegen den Russen. Ja. Und dann, wart mal, wo war denn die große Schlacht. Dort bei Rumänien, da war ein großer Deich. Und da hat der Russe die alle rein gejagt, da sind sie ja alle. Der Schwiegervater von der Tante, der ist auch dort begraben. Der war ja auch, also wir waren das Grab besuchen. Dann, wie war das noch, also ja, mein Bruder.

Und dann hat der Rumäne umgeschlagen. Dann ist der Rumäne mit dem Russen gegen die Deutschen gegangen. Gerade jetzt, da läuft doch der Film, heute Abend ist auch der Film vom Hess, das Ganze kenn ich schon so. Ich schau es ja nicht. Ich hab das alles ja mitbekommen. Dann ist der Rumäne mit dem Russen gegangen gegen den Deutschen. Mein Bruder ist ja vermisst. Mein Vater hat nicht mitgeteilt bekommen, dass er gefallen ist. Aber dass er vermisst ist. Und dort, wo die vielen kaputt gegangen sind. Dann war jetzt das Ganze. Also dann hat jetzt der Krieg nun ein Ende gehabt. Was war dann? Mein Vater hat nichts, hat nichts gehabt. Er hat anstehen müssen. Für uns auch schon. Zusammen hatten wir dann zusammengehalten und doch ein bisschen so, dass es eben gegangen ist. Na, dann ist ja meine Mutter gestorben. Die Urgroßmutter ist auch gestorben. Und mein Vater, wart mal, er war bei der Komka arbeiten. Das war das, wo die Leute die Kühe hinbringen mussten. Das war in Temeschburg. Und da waren noch die, die melken haben können. Also man hat melken können. Jetzt waren sie dort fünf, sechs Männer und dann haben sie die Kühe gemolken. Dann sind sie raus und haben den Leuten die Milch verkauft. Dann haben sie einmal nicht genügend Milch gehabt. Dann war mein Vater an der Reihe, um Milch holen zu gehen. Dann sagt er:

                    (Vater): Es hat nicht mehr.

Die haben dann die Anzeige gemacht. Dann haben sie ihn hops genommen, dann ist er eingesperrt worden. Dann war er zwei Monate eingesperrt. Er hat fleißig gearbeitet, dann haben sie ihn heim geschickt. Aber sein Ausweis haben sie ihm nicht gegeben. Und dann ist er, und ich war schon in Kowatschi gewohnt, und dann ist er nach Kowatschi gekommen und hat gesagt:

                    (Vater): Weißt du, komm ins Gemeindehaus!

Also in Jahrmarkt, dort wo ich gewohnt hab. Also meine Ausweise abholen.

(Vater): Ich gehe nicht, die holen mich wieder und sperren mich wieder ein. Könntest du gehen?

Was meinst du? Der ist dann in Kowatschi geblieben bei meinen Kindern. Und ich bin dann nach Jahrmarkt seine Ausweise holen gegangen, ins Gemeindehaus. Aber dann beim Heimgehen bin ich dann meine Tante besuchen gegangen. Dann saßen wir da und haben erzählt, und auf einmal hab ich so bitterlich anfangen müssen zu weinen. Dann sagt sie:

                    (Tante): Na Kathi, was ist denn?

Ich hab gesagt:

                  (junge Kathi): Ich weiß nicht, bei uns muss irgendwas passiert sein.

Hab ich gesagt. Als ich heim gekommen bin, da hab ich gedacht, naja, die Kinder spielen, alles ist in Ordnung. Und dann abends, wir hatten zwei Schweine und da waren zwei Maulbeerenbäume. Dann haben wir die Bäume abgeschüttelt und die Schweine haben die Maulbeeren aufgefressen. Jetzt haben wir das gemacht.

                  (junge Kathi): Na, wo ist euer Großvater? Hab ich gefragt.

Sie wissen nicht wo er ist. Und ich hab dann müssen auf den Boden gehen. Der Besen war mir nicht genug, um das zusammen zu kehren. Also ich so ziemlich oben war und den Laden zurück geschlagen habe, da hab ich ihn hängen gesehen. Die Füße so auseinander. Da hat er sich aufgehängt gehabt bei uns. Ja ja. Er hatte Angst gehabt, sie sperren ihn nochmal ein. Also, jetzt musste ich das doch melden. Mein Mann ist das dann melden gegangen. Dann ist der Arzt gekommen. Wir haben ihn doch nicht abschneiden dürfen. Der Arzt hat ihn abgeschnitten und dann ist die Polizei gekommen und hat gesagt:

        (Polizei): Der Pfarrer muss her kommen, der muss noch heute beerdigt werden!

Was das war damals! Dann war so ein Mann, ein guter Kamerad zu meinem Mann. Der hat dann das Grab gemacht und dann haben wir ihn beerdigt. Und der ganze Tanz hat dann ein Ende gehabt. Aber es war schon, alles kann ich mir nicht mehr so merken, aber es war schon, es war ungeheuerlich.

 

 


 

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